Wenn du erkennst, dass eine Schlacht verloren ist
Oder: Aufgeben und loslassen sind leider nicht dasselbe.
Ich bin nicht besonders gut im Aufgeben.
Das dürfte inzwischen niemanden überraschen.
Wenn etwas schwierig wird, denke ich nicht automatisch:
Dann ist es eben so.
Mein Gehirn denkt:
Moment.
Warum?
Seit wann?
Wer sagt das?
Wo steht das?
Gibt es dafür eine Grundlage?
Haben wir wirklich alle Möglichkeiten geprüft?
Und falls die Antwort auf die letzte Frage Nein lautet, habe ich leider bereits einen Ordner angelegt.
Ich kann kämpfen.
Das ist eine meiner Stärken.
Und gelegentlich mein größtes Problem.
Denn wer kämpfen kann, muss irgendwann etwas lernen, das wesentlich schwieriger ist:
zu erkennen, wann ein Kampf vorbei ist.
Nicht weil man überzeugt wurde.
Nicht weil es plötzlich fair ist.
Nicht weil die andere Seite recht hat.
Sondern einfach, weil man merkt:
Ich werde diese Schlacht nicht gewinnen.
Und schlimmer noch:
Vielleicht verliere ich zu viel von mir, wenn ich trotzdem weiterkämpfe.
Das ist eine beschissene Erkenntnis.
Ich hätte gerne eine schönere Formulierung dafür.
Etwas mit persönlichem Wachstum.
Innerer Reife.
Akzeptanz.
Loslassen.
Menschen sagen gerne:
„Du musst lernen loszulassen.“
Das klingt immer so friedlich.
Als würde man einen Luftballon öffnen und ihm lächelnd hinterherschauen, während er in den Himmel steigt.
Loslassen, my ass.
Manchmal fühlt sich Loslassen eher an, als würde man mit beiden Händen etwas festhalten, das einem wichtig ist, und Finger für Finger begreifen:
Ich kann es nicht behalten.
Und eigentlich möchte ich überhaupt nicht loslassen.
Ich möchte, dass es anders ausgeht.
Das ist der entscheidende Punkt.
Ich kann mich mit etwas auseinandersetzen.
Ich kann verstehen, warum es so ist.
Ich kann sogar irgendwann akzeptieren, dass es so ist.
Und mein Herz kann trotzdem sagen:
Nein.
Das Herz ist in solchen Dingen ein ausgesprochen schlechter Verhandlungspartner.
Es interessiert sich nicht für Sachlagen.
Nicht für Wahrscheinlichkeiten.
Nicht dafür, wie vernünftig eine Entscheidung ist.
Das Herz sitzt da wie ein trotziges Kleinkind mit seinem Bagger:
„Aber ich wollte DEN.“
Und ausgerechnet ich soll ihm jetzt erklären:
Ich weiß.
Aber den bekommen wir nicht.
Da drüben stehen andere.
Das Herz:
„DEN!“
Scheiße.
Plötzlich verstehe ich einen Bagger Konflikt im U3 Bereich auf einer völlig neuen Ebene.
Ich glaube, mein Problem ist nicht, dass ich Niederlagen nicht akzeptieren kann.
Mein Problem ist, dass ich lange brauche, bis ich wirklich glaube, dass es eine ist.
Solange irgendwo noch eine Tür offensteht, sehe ich sie.
Und wenn keine Tür mehr offensteht, prüfe ich die Fenster.
Wenn die Fenster geschlossen sind, frage ich, wer den Schlüssel hat.
Und wenn jemand sagt:
„Melanie, da geht es nicht weiter“,
denke ich:
Das werden wir ja sehen.
Diese Eigenschaft hat mich weit gebracht.
Sie hat mich Dinge schaffen lassen, bei denen ich früher vielleicht aufgegeben hätte.
Sie hat mich lernen lassen.
Neu anfangen.
Mich wehren.
Für Dinge einstehen.
Nicht beim ersten Widerstand einknicken.
Ich möchte sie deshalb gar nicht loswerden.
Aber dieselbe Eigenschaft kann dazu führen, dass man irgendwann vor einer Mauer steht und seit Stunden versucht, ihr sachlich zu erklären, warum sie eigentlich eine Tür sein müsste.
Die Mauer zeigt sich wenig gesprächsbereit.
Und irgendwann kommt dieser Moment.
Ganz leise.
Keine große Erkenntnis.
Kein dramatischer Gong.
Du merkst einfach:
Ich habe alles gesagt.
Ich habe alles erklärt.
Ich habe nach Lösungen gesucht.
Ich habe gehofft.
Mich geärgert.
Mich wieder zusammengerissen.
Noch einmal nachgedacht.
Noch einen Weg gesucht.
Vielleicht noch einen.
Und plötzlich gibt es nichts Neues mehr.
Nur noch Wiederholungen.
Dann wird aus Kämpfen irgendwann sich selbst aufreiben.
Das ist schwer zuzugeben.
Besonders wenn einem etwas wichtig ist.
Denn Aufhören fühlt sich dann fast an wie Verrat.
An der Sache.
An dem, was man wollte.
Vielleicht sogar an sich selbst.
Als würde man sagen:
Dann war es mir wohl doch nicht wichtig genug.
Aber das stimmt nicht.
Vielleicht ist genau das Gegenteil wahr.
Vielleicht tut das Loslassen nur deshalb so weh, weil es einem so wichtig war.
Es gibt Niederlagen, bei denen man wütend ist.
Und es gibt welche, bei denen einem einfach das Herz blutet.
Das sind die schlimmeren.
Wut gibt Energie.
Traurigkeit nimmt sie.
Bei Wut kann ich recherchieren.
Argumentieren.
Schreiben.
Reden.
Ordner anlegen.
Bei Traurigkeit sitze ich da.
Und was soll ich damit machen?
Es gibt keine Tabelle dafür.
Keine Rechtsgrundlage.
Keinen Paragrafen.
Keine Ursachenanalyse, die das Ergebnis verändert.
Gefühle hielten sich nicht an die Vorgaben.
Verdammt.
Da ist es wieder.
Vielleicht besteht Stärke deshalb gar nicht immer darin, noch einmal aufzustehen und weiterzukämpfen.
Das klingt zwar gut auf Tassen und Wand Tattoos.
Aber manchmal besteht Stärke darin, aufzustehen und wegzugehen.
Obwohl man noch kämpfen könnte.
Obwohl man noch Argumente hätte.
Obwohl man noch nicht einverstanden ist.
Einfach weil man irgendwann entscheidet:
Meine Kraft gehört nicht vollständig dieser Schlacht.
Das ist ein Satz, den ich vermutlich selbst noch ein paarmal lesen muss.
Meine Kraft gehört nicht vollständig dieser Schlacht.
Nur weil ich etwas ungerecht finde, muss ich mich nicht daran kaputtmachen.
Nur weil ich etwas anders gewollt hätte, muss ich nicht bis zum letzten Rest Energie versuchen, es zu erzwingen.
Nur weil ich aufhöre zu kämpfen, wird das, wofür ich gekämpft habe, nicht plötzlich bedeutungslos.
Und nur weil ich eine Schlacht verliere, heißt das nicht automatisch, dass ich verloren habe.
Vielleicht nehme ich etwas mit.
Wissen.
Klarheit.
Eine Grenze.
Eine Entscheidung.
Oder einfach die Erkenntnis:
Bis hierhin. Nicht weiter.
Ich mag diesen Satz nicht besonders.
Bis hierhin.
Er klingt endgültig.
Ich bin eher Team:
Wir schauen noch mal.
Aber vielleicht darf man schweren Herzens eine Tür schließen und trotzdem noch eine Weile davor stehen.
Man muss nicht sofort erleichtert sein.
Man muss nicht sagen:
„War bestimmt für irgendetwas gut.“
Vielleicht war es einfach scheiße.
Auch das darf eine vollständige Bewertung sein.
Man darf trauern um etwas, das man gerne anders gehabt hätte.
Um eine Vorstellung.
Eine Chance.
Einen Beruf.
Eine Beziehung.
Eine Zukunft, die man sich ausgemalt hatte.
Oder einfach darum, dass Gerechtigkeit manchmal nicht automatisch gewinnt, nur weil man verdammt gute Argumente hat.
Das gefällt meinem inneren Qualitätsmanagement überhaupt nicht.
Aber das Leben hat meine Verfahrensanweisung offenbar wieder nicht gelesen.
Vielleicht ist Loslassen also gar kein friedliches:
„Es ist okay.“
Vielleicht lautet es manchmal nur:
„Es ist nicht okay. Aber ich höre trotzdem auf, dagegen anzurennen.“
Das gefällt mir besser.
Weil es wahrer ist.
Ich muss nichts schönreden, um es hinter mir zu lassen.
Ich muss niemandem recht geben.
Ich muss nicht einmal verstehen, warum es so gekommen ist.
Ich darf sagen:
Das hat mir wehgetan.
Das hätte ich anders gewollt.
Ich habe darum gekämpft.
Ich hätte es gerne geschafft.
Und jetzt gehe ich trotzdem.
Mit blutendem Herzen vielleicht.
Aber auf meinen eigenen Beinen.
Abschlussaudit
Prüfgegenstand: verlorene Schlacht.
Engagement: deutlich über Soll.
Argumente: ausreichend vorhanden.
Weitere Argumente: selbstverständlich ebenfalls vorhanden.
Bereitschaft zum erneuten Anlauf: bedenklich hoch.
Herz: nicht einverstanden.
Kopf: beginnt langsam zu verstehen.
Gerechtigkeitssensor: legt Widerspruch ein.
Kraftreserven: sollten nicht weiter für denselben Vorgang verwendet werden.
Ursachenanalyse: abgeschlossen.
Ergebnis: gefällt der Prüferin nicht.
Änderbarkeit des Ergebnisses: vermutlich nicht mehr gegeben.
Nichtkonformität erkannt.
Korrekturmaßnahme:
Keine.
Und genau das ist diesmal das Schwerste.
Der Vorgang wird geschlossen.
Nicht weil er unwichtig war.
Nicht weil ich plötzlich finde, dass alles richtig gelaufen ist.
Nicht weil es nicht mehr weh tut.
Sondern weil irgendwann auch ein Kämpfer begreifen muss:
Man kann eine Schlacht verlieren, ohne sich selbst mit auf dem Schlachtfeld liegen zu lassen.
Mein Herz darf noch ein bisschen bluten.
Ich nehme es mit.
Das bleibt nämlich bei mir.
"Und falls sich jetzt jemand fragt, worum es hier eigentlich ging: Um alles. Um nichts, Und vermutlich um einen Bagger"
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