Eigentlich wollte niemand bleiben
Oder: Vielleicht sieht Glück einfach so aus
Ich glaube, ich weiß inzwischen, wie Glück für mich aussieht.
Es ist nicht still.
Es ist selten ordentlich.
Es kündigt sich nicht an.
Und meistens stehen ziemlich viele Schuhe davon in unserem Flur.
Manchmal schaue ich mich in unserem Haus um und denke:
Ja. Genau das.
Kinder überall.
Erwachsene in der Küche.
Die Haustür geht auf und zu.
Jemand kommt.
Jemand geht.
Jemand kommt wieder.
Irgendwo klingelt ein Handy, weil zu Hause langsam die Frage aufkommt, wie ein erwachsener Mensch für vier Kilometer inzwischen anderthalb Stunden brauchen kann.
Und mittendrin stehe ich.
Und bin einfach glücklich.
Nicht höflich erfreut.
Nicht „Ach, war das jetzt nett.“
Sondern dieses warme Glück, das sich irgendwo zwischen Brust und Bauch breitmacht und für einen Moment dafür sorgt, dass ich nichts anderes brauche.
Ich liebe ein volles Haus.
Das Verrückte daran ist:
man darf mich nur möglichst nicht vorher darüber informieren.
Denn natürlich freue ich mich auch über geplanten Besuch.
sehr sogar.
Aber sobald ich weiß, dass am Samstag um 15 Uhr Menschen kommen, erwacht in mir eine Frau, die offenbar glaubt, dass diese Menschen eine unangekündigte Wohnraumkontrolle durchführen werden.
Dann räume ich auf.
Kaufe ein.
Überlege, was wir essen.
Entdecke Staub, mit dem ich bis dahin in einer sehr stabilen Beziehung gelebt habe.
Und kurz bevor die Menschen kommen, die ich wirklich gerne sehen möchte, bin ich bereits leicht erschöpft von meiner eigenen Gastfreundschaft.
Deshalb sind mir diese anderen Nachmittage so kostbar.
Die, die keiner geplant hat.
Es beginnt mit einem Kind.
Ein Kind wird gebracht.
Mehr nicht.
Mama kommt mit.
Sie hat keine Zeit.
Ich auch nicht.
Wir reden kurz an der Tür.
Aus kurz wird ein bisschen länger.
Irgendwann stehen wir in der Küche.
Dann gibt es Kaffee.
Dann sitzt sie.
Und ich freue mich.
Ganz einfach.
Schön, dass du da bist.
Dann geht die Tür wieder auf.
Nächstes Kind.
Diesmal Papa.
Auch er hat keine Zeit.
Das ist bei uns offenbar die wichtigste Voraussetzung, um länger zu bleiben.
Menschen mit Zeit sind vermutlich längst wieder zu Hause.
Papa steht erst nur kurz dabei.
Dann redet er mit.
Irgendwann hat er eine Tasse in der Hand.
Und kurz darauf sitzen in meiner Küche schon mehrere Erwachsene, die eigentlich gar nicht hier sein können.
Keiner hat Zeit.
Aber plötzlich haben wir sie trotzdem.
Vielleicht ist genau das schon ein kleines Wunder.
Die Kinder sind längst im Haus verschwunden.
Man hört Lachen, Rennen, Türen.
Alles gut.
Gelegentlich taucht eines in der Küche auf, holt etwas zu trinken, erzählt einen Satz, dessen Anfang und Ende vermutlich in unterschiedlichen Stockwerken liegen, und verschwindet wieder.
Sie brauchen uns gerade nicht.
Sie haben sich.
Und wir Erwachsenen sitzen da und reden.
Nicht über etwas Weltbewegendes.
Vielleicht gerade deshalb ist es so schön.
Niemand muss etwas leisten.
Niemand muss besonders interessant sein.
Wir sind einfach zusammen.
Irgendwann geht tatsächlich jemand.
Jacke an.
Schuhe an.
Jetzt aber wirklich.
Tschüss!
Tür zu.
Und ein bisschen schade finde ich es tatsächlich.
Bis zwanzig Minuten später die Tür wieder aufgeht.
Da ist er wieder.
Warum?
Keine Ahnung.
Vielleicht etwas vergessen.
Vielleicht noch schnell irgendetwas erledigt.
Vielleicht hat das eigene Zuhause festgestellt, dass wir offenbar interessanter sind.
Ist auch egal.
Ich freue mich.
Ach schön. Du wieder. Komm rein.
Ich glaube, das ist etwas, das ich an unserem Zuhause sehr liebe:
Menschen dürfen wiederkommen, ohne einen vernünftigen Grund dafür zu brauchen.
Dann kommt die nächste Mama.
Eigentlich zum Abholen.
Das müsste die Personenzahl theoretisch reduzieren.
Tut es natürlich nicht.
Das Kind möchte noch bleiben.
Mama wartet kurz.
Redet mit.
Setzt sich.
Kaffee.
Personenbestand erneut gestiegen.
Und statt zu denken: Mein Gott, jetzt wird es aber voll, passiert bei mir genau das Gegenteil.
Mit jedem Menschen, der dazukommt, wird es irgendwie noch schöner.
Noch wärmer.
Noch lebendiger.
Irgendwann weiß ich gar nicht mehr, wer gerade zu wem gehört.
Mama bringt.
Papa holt.
Papa bleibt.
Mama kommt später wieder.
Jemand fährt kurz heim.
Ein anderer kommt gerade erst.
Die Haustür hat inzwischen mehr Arbeitsstunden als ich.
Im Flur wächst die Schuhpopulation.
Und irgendwann ist es auch völlig egal, wer Gast ist.
Niemand ist mehr Gast.
Und genau das liebe ich.
Niemand muss fragen, ob er noch einen Kaffee bekommt.
Niemand muss sich entschuldigen, weil er länger bleibt.
Keiner muss sich benehmen, weil er „zu Besuch“ ist.
Alle sind einfach da.
Und vielleicht ist genau das für mich Zuhause:
Ein Ort, an dem Menschen irgendwann aufhören, Gäste zu sein.
Dann klingelt das erste Handy.
Eine Mama schaut drauf.
Ihr Mann.
Wo sie denn bleibe.
Sie wollte doch nur schnell das Kind bringen.
Stimmt.
Vor ungefähr anderthalb Stunden.
Vier Kilometer entfernt.
Wir müssen lachen.
Denn rein rechnerisch ist ihre Reisegeschwindigkeit inzwischen besorgniserregend.
Selbst ein sehr gemütlicher Maulwurf hätte vermutlich Fortschritte gemacht.
Aber eigentlich finde ich es wunderschön.
Denn sie hat nicht anderthalb Stunden für vier Kilometer gebraucht.
Sie hat einfach vergessen, dass sie loswollte.
Weil sie sich wohlgefühlt hat.
Was für ein schönes Kompliment.
Später wird der nächste Erwachsene telefonisch gesucht.
Offenbar laufen in mehreren Haushalten inzwischen kleinere Vermisstensuchen.
Alle Gesuchten befinden sich wohlauf in meiner Küche.
Kaffeeversorgung gewährleistet.
Stimmung gut. Keine Bergwacht erforderlich.
Und jedes Mal muss ich lachen.
Weil wir doch alle so beschäftigt sind.
Weil wir ständig irgendwohin müssen.
Termine haben.
Dinge erledigen.
Funktionieren.
Und dann gibt es plötzlich so einen Nachmittag.
Da bleibt die Welt draußen einfach kurz stehen.
Nicht wirklich natürlich.
Aber für uns.
Für ein paar Stunden muss keiner irgendwo anders sein.
Und irgendwann passiert dieser Moment.
Der ist jedes Mal ganz leise.
Mitten im Lärm.
Ich stehe vielleicht kurz in der Küche.
Hole ein Glas.
Räume irgendetwas zur Seite.
Und dann schaue ich auf.
Nur für einen Moment.
Da sitzen Menschen, die ich mag.
Einer erzählt etwas.
Jemand lacht.
Ein anderer ist vorhin schon gegangen und sitzt jetzt trotzdem wieder da.
Auf dem Tisch stehen Tassen und Gläser durcheinander.
Im Flur liegen Schuhe kreuz und quer.
Kinder lachen.
Eines rennt die Treppe herunter.
Irgendwo läuft Musik.
Mein Haus ist voll.
Mein Nachmittag ist komplett anders geworden als geplant.
Und plötzlich habe ich dieses Gefühl.
Wie schön ist das bitte?
Vielleicht berührt mich das so sehr, weil ich in meinem Leben oft nach dem Nächsten suche.
Nach der nächsten Aufgabe.
Der nächsten Lösung.
Dem nächsten Plan.
Was fehlt noch?
Was könnte besser sein?
Was müsste ich verändern?
Aber wenn unser Haus so voll ist, passiert etwas Seltenes:
Mir fehlt nichts.
Gar nichts.
Ich möchte niemanden austauschen.
Nirgendwo anders sein.
Nichts optimieren.
Nicht einmal aufräumen.
Das ist vielleicht der deutlichste Beweis dafür, dass es sich um echtes Glück handelt.
Ich schaue dann auf diese Menschen und denke nicht darüber nach, ob alles perfekt ist.
Ich denke nur:
Wie schön, dass ihr da seid.
Wie schön, dass unsere Kinder miteinander groß werden.
Wie schön, dass sie hier durchs Haus rennen und sich sicher genug fühlen, einfach zu verschwinden und irgendwann mit Hunger wieder aufzutauchen.
Wie schön, dass Erwachsene hier ihre Jacke wieder ausziehen, obwohl sie eigentlich längst gehen wollten.
Wie schön, dass jemand vier Kilometer von zu Hause entfernt sitzt und nach anderthalb Stunden telefonisch gesucht werden muss, weil er bei uns die Zeit vergessen hat.
Wie schön, dass unsere Tür offenbar ein Ort ist, durch den Menschen nicht nur hereinkommen,
sondern gerne bleiben.
Das bedeutet mir viel.
Vielleicht mehr, als ich manchmal sage.
Denn am Ende ist ein Zuhause für mich nicht das Haus.
Nicht die Möbel.
Nicht ob aufgeräumt ist.
Nicht einmal, ob die verdammte Sockelleiste endlich gemacht wurde.
Ein Zuhause lebt für mich von den Menschen darin.
Von Kinderlachen aus einem anderen Zimmer.
Von Gesprächen in der Küche.
Von jemandem, der sich noch schnell einen Kaffee nimmt.
Von einem „Ich muss jetzt wirklich“, dem zuverlässig weitere 45 Minuten folgen.
Von Türen, die aufgehen.
Von Menschen, die wiederkommen.
Von Leben.
Und irgendwann werden sie natürlich wirklich gehen.
Kinder werden eingesammelt.
Jacken gesucht.
Schuhe zugeordnet.
Einzelne Erwachsene erfolgreich in ihre ursprünglichen Haushalte zurückgeführt.
Die Haustür fällt zum letzten Mal zu.
Plötzlich ist es still.
Fast zu still.
Dann sehe ich die Tassen.
Die Krümel.
Das Spielzeug.
Und meinen unerledigten Plan für den Nachmittag.
Normalerweise könnte jetzt mein Kopf anfangen:
Super. Nichts geschafft.
Aber nach solchen Nachmittagen denke ich das nicht.
Ich denke:
Heute war etwas anderes wichtig.
Und deshalb freue ich mich jedes einzelne Mal, wenn es wieder passiert.
Wenn aus „Ich bringe nur schnell das Kind“ plötzlich ein Nachmittag wird.
Wenn einer bleibt.
Dann noch einer.
Wenn jemand geht und wiederkommt.
Wenn die ersten Ehepartner telefonisch nach ihren Erwachsenen suchen.
Wenn ich den Überblick verliere.
Dann schaue ich um und weiß:
Das hier macht mich glücklich.
Nicht irgendwann, wenn alles fertig ist.
Nicht später, wenn ich mehr Zeit habe.
Nicht wenn das Leben endlich ordentlich sortiert ist.
Jetzt.
Mitten drin.
Mit den Menschen.
Mit den Kindern.
Mit dem Lachen.
Mit den Schuhen im Flur.
Mit der Frau, die für vier Kilometer anderthalb Stunden braucht.
Mit all diesem wunderbaren, ungeplanten Leben in unserem Haus.
Und dann denke ich manchmal tatsächlich:
Scheiße, habe ich ein Glück. ❤️
Nichtkonformität erkannt.
Geplante Gäste: 0.
Tatsächliche Belegung: irgendwann nicht mehr nachvollziehbar.
Erwachsene ohne Zeit: alle.
Vier Kilometer Fahrzeit: 1,5 Stunden.
Von Ehepartnern gesuchte Personen: mehrere.
Kinderlachen: reichlich.
Schuhe im Flur: zu viele.
Ordnung: nebensächlich.
Haus: voller Leben.
Ich: glücklich.
Korrekturmaßnahme:
Um Himmels willen keine.
Denn vielleicht ist Glück manchmal gar nichts, das man suchen muss.
Vielleicht klingelt es einfach an der Haustür, bringt ein Kind vorbei und sagt:
„Ich hab eigentlich gar keine Zeit.“
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