Eigentlich hätte mein Leben hervorragend laufen müssen. Ich bin organisiert. Verantwortungsbewusst. Ich kann Probleme analysieren, Abläufe optimieren und ziemlich zuverlässig erkennen, wenn irgendwo etwas nicht stimmt.
Ich war schließlich mal im Qualitätsmanagement.
Das Problem ist nur:
Menschen sind nicht DIN-zertifiziert.
Kinder schon gar nicht.
Hunde offenbar ebenfalls nicht.
Beziehungen verweigern sich hartnäckig jedem Prozesshandbuch.
Und Gefühle hielten sich noch nie an die Vorgaben.
Das hätte mir früher vielleicht jemand sagen sollen.
Wobei – vermutlich hätte ich daraufhin erst einmal gefragt, wo genau das steht.
Ich habe einen ausgeprägten Hang dazu, Dinge verstehen zu wollen.
Nicht oberflächlich.
Richtig.
Warum macht jemand das?
Warum fühle ich so? Warum funktioniert etwas nicht?
Was wäre die gerechte Lösung?
Welche Regel gilt eigentlich?
Und wenn diese Regel gilt – ergibt sie überhaupt Sinn?
Das ist eine wunderbare Eigenschaft.
Ungefähr bis zu dem Moment, an dem man nachts im Bett liegt und sein Gehirn beschließt, eine Situation vom vergangenen Dienstag noch einmal unter Berücksichtigung sämtlicher bisher unbekannter Variablen neu auszuwerten.
Andere Menschen schlafen.
Ich führe eine interne Revision durch.
Mit Ursachenanalyse.
Natürlich.
Mein Kopf kann aus einem beiläufigen Satz innerhalb weniger Minuten eine Fallstudie machen. Er findet Zusammenhänge, Widersprüche und Lösungen, nach denen niemand gefragt hat.
Gelegentlich nicht einmal ich.
Und gleichzeitig kann derselbe Kopf morgens fünf Minuten lang mein Handy suchen, während ich es in der Hand halte.
Ich finde, das fasst die Lage ganz gut zusammen.
Lange dachte ich, irgendwann käme dieser Punkt im Leben, an dem man angekommen ist.
Erwachsen
Sortiert.
Man hätte seinen Beruf gefunden, seine Familie gegründet, sich selbst verstanden und wüsste ungefähr, wo es langgeht.
Heute bin ich mir ziemlich sicher:
Das war eine Fehlinformation.
Ich bin Mutter, Ehefrau, Kollegin, Freundin, pädagogische Kraft, Lernende, Organisatorin, Hundebesitzerin, gelegentliche Handstand-Akrobatin und hauptberufliche Denkerin über Dinge, die andere Menschen offenbar problemlos einfach hinnehmen können.
Ich kann vormittags darüber diskutieren, was Selbstwirksamkeit bei einem zweijährigen Kind bedeutet, nachmittags überlegen, warum mein Hund einen entgegenkommenden Menschen für eine Bedrohung der nationalen Sicherheit hält, und abends die grundsätzliche Frage stellen, was ich eigentlich mit meinem eigenen Leben anfangen möchte.
Dazwischen läuft eine Waschmaschine.
Meistens.
Manchmal vergesse ich sie. (sehr oft)
Ich habe lange versucht, aus all dem eine ordentliche Version von mir zu machen.
Gelassener.
Weniger emotional.
Weniger anstrengend.
Weniger widersprüchlich.
Nicht immer alles hinterfragen.
Nicht jedes Unrecht bekämpfen.
Nicht alles fühlen.
Nicht so viel denken.
Einfach mal zufrieden sein.
Einfach mal nichts machen.
Dieser letzte Punkt ist besonders lustig.
Denn selbst beim Versuch, mich zu entspannen, kann ich hervorragend darüber nachdenken, ob ich mich gerade richtig entspanne.
Irgendwann kam mir ein anderer Gedanke:
Vielleicht liegt das Problem gar nicht darin, dass ich die falsche Version von mir bin.
Vielleicht ist die Vorgabe falsch.
Dieser Blog ist deshalb kein Ratgeber.
Um Gottes willen.
Wer nach einem zehn Schritte zu einem strukturierten, ausgeglichenen Leben sucht, sollte spätestens jetzt vorsichtig werden und aufhören zu lesen.
Ich suche selbst noch.
Vermutlich werde ich auch am Ende dieses Blogs nicht wissen, was der Sinn des Lebens ist.
Aber ich habe inzwischen eine Vermutung.
Vielleicht besteht er gar nicht darin, irgendwann die perfekte Richtung zu finden.
Vielleicht besteht er aus den Menschen, die dir ein Stück mitgehen.
Aus Kindern, die einem zeigen, dass ein Karton manchmal wertvoller ist als das teuerste Spielzeug.
Aus einem Hund, der einen gleichzeitig in den Wahnsinn treiben und zurück ins Hier und Jetzt holen kann.
Aus Musik, Meer, Bewegung, Blödsinn, Tränen, Wut, Mut und diesen kurzen Augenblicken, in denen plötzlich alles ganz leicht ist.
Vielleicht besteht er darin, irgendwann aufzuhören, ständig zu überprüfen, ob man richtig ist.
Und stattdessen festzustellen:
Nichtkonformität erkannt.
Keine Korrekturmaßnahme erforderlich.
Denn möglicherweise war genau diese Abweichung die ganze Zeit das Interessanteste an mir.
Und falls nicht?
Dann untersuche ich das später noch einmal.
Aber jetzt ist erstmal einen Kaffee.
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